Vier Samen in einem verwilderten Garten

Vier Samen in einem verwilderten Garten

5 octobre 2026kapweine

Wie aus einem vergessenen Kreuzungsversuch in Stellenbosch Suedafrikas eigene Rebsorte wurde

Ein Chemiker mit einer Idee

Abraham Izak Perold war nicht der Mann, den man erwartet hätte, um eine der berühmtesten Rebsorten der Welt zu erschaffen. Der am 20. Oktober 1880 geborene südafrikanische Gelehrte war Chemiker mit Doktortitel aus Deutschland, nicht etwa ein praktizierender Winzer. Seine Karriere führte ihn zur Universität Stellenbosch, wo er 1904 die erste Professur für Weinbau in Südafrika übernahm, ein Lehrstuhl, den er ausfüllte wie kaum jemand anders.

Perold war ein Mann, der in Systemen dachte. Als Chemiker verstand er die Rebsorte nicht als nebulöses Kunstwerk, sondern als biologisches Rätsel mit technischen Lösungen. Sein Ehrgeiz war nicht, einen neuen Wein zu erschaffen, sondern eine Rebsorte zu züchten, die dort gedeiht, wo andere kämpfen.

Was Perold im Jahr 1924 antrieb, war eine präzise, wissenschaftlich fundierte Idee. Er wollte das Beste zweier französischer Rebsorten kombinieren: die genetische Robustheit des Cinsault (damals in Südafrika „Hermitage" genannt, nach der französischen Rhône-Appellation) mit dem feinen Geschmacksprofil des Pinot Noir. Der Pinot Noir war bekannt für elegante, komplexe Weine, aber nur dann, wenn die Bedingungen perfekt waren. Die südafrikanische Sonne würde ihn zum Erbrechen bringen. Der Cinsault hingegen war ein Überlebenskünstler, konnte mit Hitze und Trockenheit umgehen, produzierte aber oft einfache Weine.

Perold sah darin eine Chance: Einen Hybrid zu schaffen, der die Resilienz des einen mit dem Potenzial des anderen verband.

Am 17. November 1924 machte Perold seinen Schnitt. Er kreuzte die beiden Sorten, erntete die Samen und wartete. Die vier vielversprechendsten Samen wurden 1925 gepflanzt, in den Garten seiner Dienstwohnung auf der Versuchsfarm Welgevallen. Niemand konnte damals vorhersehen, dass diese vier winzigen Keime eines Tages die südafrikanische Weinwelt definieren würden.

Der Name ergab sich organisch aus phonetischer Notwendigkeit: Pinot (von Pinot Noir) plus age (von Hermitage). Pinotage. Ein Kunstwort, das klang wie ein Geheimnis, wie etwas Unvollendetes und doch Verheissungsvolles.

Zwei Jahre ohne Aufsicht

1928 rief die Karriere. Die Universität hatte Perold zu weiterem Ruhm bestimmt, aber die Stelle bei der Stellenbosch Farmers Winery (SFW) in Paarl war eine Gelegenheit, die er nicht ablehnen konnte. Er war nun nicht mehr nur ein Professor, er war ein Praktiker mit echtem Einfluss.

Die vier Setzlinge im Garten der Versuchsfarm? Sie blieben zurück. Ohne Bewässerung, ohne Aufsicht, ohne die Sorgfalt, die Universitätsprojekte üblicherweise geniessen. Sie hätten sterben können. Die meisten hätten es auch getan.

Aber dann geschah etwas, das nur im Nachhinein wie Vorsehung aussieht: Ein junger Akademiker, genannt Charlie Niehaus, oder, wie manche historische Quellen berichten, Professor C. J. Theron, bemerkte die verwilderten Reben, als eine Räumung der verwaisten Gartenfläche anstand. Der Instinkt war einfach: Sie sehen wertvoll aus, lass mich sie retten.

Dies ist die Geschichte einer Rebsorte, die fast nie existiert hätte. Wenn diese Reben nicht zufällig bemerkt worden wären, wenn nicht einer die Initiative ergriffen hätte, die Pinotage wäre verschwunden, bevor sie überhaupt einen Namen verdient hätte. Sie wäre ein Fussnote in Perolds wissenschaftlichem Nachlass gewesen, ein interessantes Experiment, das niemals Früchte trug.

1935 wurden die geretteten Setzlinge von Professor C. J. Theron professionell veredelt, auf Richter-Unterlagen aufgebunden, standardisiert für den kommerziellen Anbau. Sie waren nun keine fragilen Experimente mehr, sie waren zu hoffnungsvollen Rebstöcken geworden, die das Potenzial hatten, wirklich zu funktionieren.

Der erste Wein, den sein Erfinder nie probierte

Das erste Fass Pinotage-Wein entstand 1941 auf der Weinfarm Elsenburg in Stellenbosch, unter der Hand von C. T. de Waal, einem begabten Kellermeister, der Perolds Idee ernst nahm. Der Wein war rot, würzig, mit einer unerwarteten Komplexität, die niemand vorhersehen konnte. Die Rebe, die einmal als Experiment galt, produzierte tatsächlich Wein, guten Wein.

Das selbe Jahr, 1941, im Dezember, starb Abraham Izak Perold. Er war 61 Jahre alt. Der Mann, der die Kreuzung erdacht hatte, würde den Wein, der aus seinem Versuch hervorging, nicht kosten. Dies ist die stille Tragödie dieser Geschichte: Perold schuf etwas, das sein Leben überlebte, doch er sah nicht, was es wurde.

Es ist eine merkwürdige Chronologie: 1941 markiert einen Wendepunkt, aber keinen Sieg, sondern den Anfang einer Geschichte, die sich über Jahrzehnte erstrecken würde.

1959 in Bottelary, 1961 im Regal

In den 1950er Jahren begannen andere Winzer zu experimentieren. Pieter P.K. Morkel, ein Winzer mit Weitblick, pflanze 1953 einen der ersten grossflächigen kommerziellen Pinotage-Rebberge auf Bellevue an der Bottelary Road in Stellenbosch. Sechs Hektar reiner Pinotage, eine mutige Wette auf eine Sorte, die noch kaum jemand kannte.

1959 gewann sein Wein die General Smuts Trophy auf der Cape Wine Show, die höchste Auszeichnung für den besten Wein der Saison, vergleichbar mit grossen internationalen Preisen. Es war ein Zeichen: Die Pinotage konnte auf höchstem Niveau konkurrieren.

Doch die Rebe sollte noch auf ihre breite Anerkennung warten. Morkel war vertraglich an die Stellenbosch Farmers Winery (SFW) gebunden, die die Marke Lanzerac hielt, und 1958 erworben hatte. Die SFW hatte Morkels Reben unter Vertrag, und so floss sein Wein in ihre Marke, nicht unter seinem Namen.

Erst 1961 kam der Wein offiziell in den Handel, nicht als „Morkel Pinotage", sondern als Lanzerac Pinotage. Es war das erste Etikett in der Welt, auf dem das Wort Pinotage stand. Der erste Pinotage für die breite Öffentlichkeit. Ein Sieg, aber auch eine Verzögerung, die Rebe musste warten, bis jemand sie im richtigen Namen feierte.

Im selben Jahr 1961 passierte etwas Bemerkenswertes: Auch Kanonkop veröffentlichte einen Pinotage, und auch dieser Wein gewann die General Smuts Trophy. Ein Zeichen, dass die Pinotage nicht an ein einziges Weingut gebunden war, nicht auf ein einzelnes Talent angewiesen. Sie war eine südafrikanische Sache.

Hundert Jahre später

Heute, knapp hundert Jahre nach Perolds Experiment, wachsen auf etwa 6'600 Hektar südafrikanischer Rebfläche Pinotage-Reben, das entspricht 7,6 Prozent des gesamten südafrikanischen Weinbaus. Nach Cabernet Sauvignon und Shiraz ist Pinotage die dritthäufigste rote Sorte des Landes. Eine Rebsorte, die einmal fast verschwunden wäre, ist heute eine nationale Identität.

Ausserhalb Südafrikas? Kaum vorhanden. Neuseeland hat etwa 38 Hektar, verstreut auf kleine Parzellen. Kleine Mengen in den USA, Israel, Brasilien, Simbabwe und Deutschland, aber kaum nennenswert. Die Pinotage ist und bleibt eine südafrikanische Rebsorte, ein Nationalschatz, der dort wächst, wo die Vision eines Chemikers vor hundert Jahren Wurzeln schlug.

Der International Pinotage Day fällt jedes Jahr auf den zweiten Samstag im Oktober, ein globales Fest einer lokalen Rebsorte, die es fast nicht gab.

Mehr über Pinotage

Quellen

  1. https://en.wikipedia.org/wiki/Abraham_Izak_Perold
  2. https://www.winewithseth.com/winewiki/pinotage/
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/Pinotage
  4. https://pinotage.co.za/about/heritage/
  5. https://degrendel.co.za/blogs/news/the-history-of-pinotage-in-south-africa
  6. https://winemag.co.za/wine/opinion/sa-wine-history-selective-memory-part-two-lanzerac-pinotage/
  7. https://lanzerac.co.za/history-and-legacy-of-lanzerac/
  8. https://www.wosa.co.za/the-industry/statistics/world-statistics/
  9. https://www.wsetglobal.com/knowledge-centre/blog/2024/polarising-pinotage-the-famous-south-african-grape-re-examined
  10. https://www.decanter.com/learn/putting-the-pinot-into-pinotage-this-international-pinotage-day-566397/

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